Erinnert Ihr Euch noch an Viktoria & ihre Pferdefreunde 2014 aus Barsinghausen? So geht es Viktoria heute!

Viktoria & ihre Pferdefreunde gingen Jahre durch die Pferdehölle. Vier Hufe & Co konnte, Dank Spendengelder Viktoria 2014 vorm Schlachter retten!

Die Besitzerin von Viktoria, wird ein Buch über diese wunderbare und zuggleich schöne Freundschaft schreiben! Hier ein kleiner Auszug über diese Liebe zu einander!

Solange Menschen nicht denken, dass Tiere fühlen, müssen Tiere fühlen, dass  Menschen nicht denken… indianisches Sprichwort
Victoria habe ich im Oktober 2014 vom Tierschutzverein Vier Hufe & Co eV übernommen. Seitdem ist unser gemeinsamer Weg  eine zauberhafte Geschichte, die ich angefangen habe aufzuschreiben, um sie  allen Pferden zu widmen, die  noch nicht das Glück hatten, an einen liebevollen Menschen vermittelt zu werden. Nicole Hufnagel habe ich in regelmäßigen Abständen über Victorias Entwicklung informiert und Photos übermittelt, bis sie mir vor Kurzem anbot, doch einen Artikel zu verfassen über meine Erfahrungen mit meinem ehemaligen Tierschutzpferd. Es war und ist ein langer zeitlicher Wandlungsprozess zusammengesetzt mit Tausenden von Puzzle-Steinen, der sich nicht so leicht in ein paar Zeilen zusammenfassen lässt, daher dachte ich, dass Ausschnitte aus einzelnen schon verfassten Kapiteln eher einen ersten Eindruck vermitteln und einen Einblick gewähren, wie es in diesem Fall möglich wurde, dass ein Pferd einen Großteil seiner Traumata zugunsten eines kontinuierlich wachsenden Zu- und Vertrauens überwinden konnte. Bereits nach zweieinhalb Jahren ist sie im normalen Umgang nicht mehr von anderen Pferden zu unterscheiden. Selbst Fremden gegenüber ist sie jetzt zutraulicher geworden. Was bis heute unverkennbar Teil ihrer Altlasten geblieben ist, ist sicherlich eine besondere Schreckhaftigkeit gepaart mit einer erhöhten Fluchtbereitschaft in Stress-Situationen. Und diese Schwelle ist möglicherweise niedriger im Vergleich zu anderen Pferden. Positiv anzumerken sei jedoch, dass Situationen, die sie als unangenehm empfindet ( Bsp. Radfahrer, die uns im Gelände von hinten überholen/Kinderwagen mit Sonnenschirmen/ Ball spielende Kinder/ Fußgänger mit Kapuzen/fremde Menschen/ Waldarbeiter, die Bäume fällen/geparkte Pferdeanhänger und Einiges mehr)  bisher zu keinem Zeitpunkt eskaliert sind. Sie zeigt ihre Aufgeregtheit zwar, aber bleibt (für mich) kontrollierbar. Zu Beginn ging sie immer in schnellem Tempo mehrere Schritte rückwärts mit erhobenem Kopf und abgespreiztem Schweif, auch drehte sie dann immer aufgeregt einige Runden um mich herum. Heute bleibt sie in ähnlichen oder gleichen Situationen lediglich kurz stehen mit einem Minimum an körperlich erkennbaren Stress Signalen oder zeigt gar kein Unbehagen mehr. Beschrieben habe ich im Folgenden Teile der vertrauensschaffenden Elemente. Daran anschließend konnte ich bis zum heutigen Tag sehr erfolgreich Bodenarbeit oder besser „Bodenspiele“ in unser Miteinander einfließen lassen. So lässt sie sich von mir völlig frei ohne Longe und Halfter in allen Gangarten in alle Richtungen delegieren, wir sind viel im Gelände, mal mit der Doppellonge (gebisslos), mal an der Hand artig neben mir her trabend beim Joggen oder nur spazierengehend beispielsweise. Sie kommt auf Zuruf von der Weide, folgt mir freiwillig auf Schritt und Tritt. Sie lässt mich problemlos aufsteigen. Und ich bin ganz sicher, unser Weg geht weiter. Ich habe mich stets nach der Uhr des Pferdes gerichtet, der Faktor Zeit ist m.E. nach DER entscheidende  Schlüssel für ihre Fortschritte. Meine Vorgehensweise soll nicht generalisieren, ich bin den Weg gegangen, der sich für mich stimmig anfühlte, über einen ganz langen Zeitraum hatte ich bewusst auch keinen professionellen support. Ich fühle und weiss, wann es für sie „zuviel“ wird, dann höre ich auf. Trainer mögen das mitunter anders sehen. Damit war und bin ich aber nicht einverstanden. Diese Zeilen mögen stellvertretend für ähnliche Erfahrungen aller Menschen stehen, die sich ebenfalls mit viel Engagement für vernachlässigte und misshandelte Pferde eingesetzt haben und einsetzen.  gleichzeitig möge es anderen Menschen Mut machen, selbst aktiv zu werden. Irgendwo da draußen wartet vielleicht auch ein bedürftiger Vierbeiner auf Sie…..

Traum(a) Pferd Victoria
Und plötzlich weisst du: Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“  Meister Eckhart
Nachdem meine alte Stute mit 28 Jahren gestorben war, wollte ich eigentlich kein Folgepferd mehr -zu groß war die Trauer über den Verlust. Ich wollte zukünftig nichts mehr haben, dessen Verlust ich nicht ertragen könnte. Aber ein Leben so ganz ohne Pferd funktionierte nicht wirklich gut. Nach den positiven Erfahrungen    mit unserem zweiten Hund, den wir aus dem Tierheim übernommen hatten, dachte ich darüber nach, mich für ein schutzbedürftiges Pferd beim Tierschutz  einzusetzen. Wie es der Zufall wollte, erhielt ich zeitgleich den Tip, mich an Vierhufe zu wenden. Jeder Pferdebesitzer kennt diese ganz besonderen unbeschreiblichen Momente , die die Beziehung zwischen Mensch und Pferd  immer wieder als einzigartig kennzeichnen. Ich möchte daher mit einer kleinen Episode aus dem Amerika Ende des 19. Jahrhunderts beginnen, denn auch damals gab es sie schon, wenn auch unter Rahmenbedingungen, unter denen man sie nicht unbedingt vermuten würde : Comanche war ein in Texas  gefangener Mustang, der 1876 in der US Kavallerie diente und den heute noch fast jedes Kind in den USA kennt, weil er ein Nationalheld ist und bis heute präpariert  im Museum steht. Wer das Buch „Mustang“ von Deanne Stillman kennt, wird sich an das folgende Kapitel erinnern: „Comanche, The battle of the Little Bighorn and the Horse, that survived it.” Über die erste Begegnung mit seinem neuen Besitzer schreibt Stillman   ( Auszüge) :

„Mit seinem neuen Herrn bei der Armee hatte Comanche Glück. Während viele Pferde in die Hände von ungeschickten oder sogar brutalen Soldaten gerieten, machte er schon kurz nach seiner Ankunft in Fort Hays die Bekanntschaft von Captain Myles Keogh. Das war ein Kavallerieoffizier, wie man ihn sich vorstellt: Gutaussehend, schneidig, ein wenig angeberisch, aber durchaus mutig und tapfer. Er war ca. 30 Jahre alt und hatte, obwohl er Gewohnheitstrinker war wie damals viele Soldaten in der US Armee, einen guten Charakter. Der wirkte sich auf die Behandlung seiner Pferde aus. Pferde waren damals Gebrauchsgegenstände. Es war nicht üblich, sie in Briefen an die Verwandtschaft zu erwähnen oder Bilder von ihnen zu verschicken. Der Captain tat beides. Wahrscheinlich hat Keogh  Comanche zum ersten Mal gesehen, als er von einem Zug gegen die Indianer zurückgekommen war und in die Corrals mit den neuen Pferden geschaut hat. Wer weiß schon, was zwischen einem Menschen und einem Tier genau passiert, wenn sie sich das erste Mal in die Augen schauen. Vielleicht hat der Captain lesen können:
„  Ich werde dich in die Hölle und wieder zurück tragen, wenn es sein muss!“
Und vielleicht hat er geantwortet: „  Ich weiß, und ich werde immer für Dich sorgen!“
Tatsache ist, denn so steht es in den Aufzeichnungen, dass Keogh das Pferd für 90 Dollar von der Armee kaufte, eine damals durchaus übliche Praxis, dem Staat die Kosten für ein Wunschpferd zu erstatten.“
Nicol Hufnagel begrüßte mich freundlich an einem Sonnabend im  August 2014. Während sie mir die Anlage zeigte, erzählte sie von den unvorstellbaren Misshandlungen von  Pferden. Die Tiere erleiden durch das tierschutzwidrige Verhalten Einzelner körperliche und seelische Qualen, nicht selten sterben sie einen grausamen Tod, unterernährt, dehydriert, vernachlässigt und bis zur völligen Erschöpfung gequält und gepeinigt. Auf großen Weideflächen mit ausreichend Unterständen verweilten im satten Grün grasend etwa ein Dutzend Pferde aus jüngst stattgefundenen Rettungsaktionen. Wir gingen zum Zaun und in Erwartung der Pferde, eine Möhre zu ergattern oder einfach nur aus Neugier , kamen sie alle langsam auf uns zu.  Ich sah in ängstliche Augen und auf geschundene Körper, aber alle hatten Glück und landeten nicht beim Schlachter oder verendeten verwahrlost und allein gelassen in irgendeiner heruntergekommenen dunklen Barracke. Ich stand vor der Wahl, mich für ein Pferd zu entscheiden. Ich war unschlüssig, jedes einzelne Geschöpf war es wert, ausgewählt zu werden. Nicole wurde zum Telefon gerufen und ich stand allein am Gatter, hoffte inständig auf irgendetwas, was mich  einer Entscheidung näher bringen könnte. In dem Moment gingen 2 Stalljungen mit prall gefüllten Heunetzen die hügelige Koppel nach oben, um sie an die Innenwände der Holzstände aufzuhängen. Alle Pferde wandten sich sofort vom Zaun ab und trabten Richtung Heu. Auf halbem Weg hielt ein Pferd inmitten des Pulks inne, ließ die anderen vorbeiziehen, drehte sich um und sah mich Sekundenlang an. Es war Victoria.
Mit ihrem durchdringenden Blick war alles gesagt, das Band war besiegelt, alle Zweifel verflüchtigten sich in diesem einzigartigen Augenblick einer begonnenen Verbindung zweier Fremder zueinander. So oder ähnlich hätte sich möglicherweise auch die erste Begegnung zwischen Comanche und Captain Keogh ereignen können. Wenn man den Berichten Glauben schenken mag, war es damals aber ganz sicher ein ebenso magischer Moment wie zwischen Victoria und mir an diesem Spätsommertag.
Unser Wiedersehen und der erste wirkliche Kontakt offenbarte bereits das Ausmaß ihrer seelischen Erschütterung. Alles, was man im täglichen Umgang mit einem Pferd tut und worüber man auch nicht weiter nachdenkt, funktionierte mit Victoria nicht. Sie ließ sich nur mit sehr viel Geduld und Raffinesse aufhalftern, man musste schneller sein als die Zeit, die sie brauchte, um darauf zu reagieren, sonst war man auf verlorenem Posten. Sie wusste vor allem Eines: Wie man sich entzieht. Sanfte Berührungen – egal an welcher Stelle ihres Körpers – waren nicht möglich. Versuchte man behutsam den Hals oder die Schulter zu streicheln, sprang sie einen Satz zur Seite und trabte am ganzen Körper zitternd mit aufgerissenen Augen hektisch auf einer Stelle. Sie war panisch und in jeder Sekunde fluchtbereit. An Putzen war vorerst nicht zu denken, vor Bürsten hatte sie genauso viel Angst wie vor normalen Gebrauchsgegenständen im Stall. Sie reagierte auf ziemlich alles verstört und erregt. So stieß sie in kurzen Abständen unter lautem Getose und mit viel Druck Luft aus ihren Nüstern als Zeichen maximaler Aufgeregtheit und Angst. Vibrierte ich nur ganz leicht am Führstrick als Ermunterung und Aufforderung vorwärts zu gehen, ging sie aus dem Stand mindestens fünf Schritte rückwärts und schlug dabei heftig mit dem Kopf von links nach rechts. Es sah aus wie ein ‚Nein‘ und ich deutete es inhaltlich ebenso. Das ist zwar eine sehr menschliche Betrachtungsweise und sicherlich nicht vom Pferd analog unserer Geste für Negierung gleichzusetzen, wohl aber als Ausdruck von massivem Unbehagen ein eindeutiges Verhalten.. Zukünftig interpretierte ich diese sich kontinuierlich in anderen Situationen wiederholende Reaktion in unserer gemeinsamen Zeit der Annäherung als ein Erkennungsmerkmal für alles, was sie überforderte. Und ich fuhr gut damit. Ich lernte so, zukünftig einzelne Aufgaben für sie in viele, kleine Einzelschritte zu zergliedern, damit sie sie akzeptierte, besser verstand und genügend Zeit zur Verfügung war, Neues zu verarbeiten und über einen erfolgreichen Lernprozess abzuschließen. Das war und blieb meine größte Herausforderung, Kreativität als ein wichtiges Instrumentarium, spielerisch ohne Druck ihr Vertrauen zu gewinnen und sich nicht zu überfordern, sondern sie gem. ihres individuellen Lerntempos zu  unterstützen und zu fördern. Meine Stimme verunsicherte sie ebenfalls, das wurde erst besser als ich die normale Lautstärke drosselte und sie in einem Flüsterton ansprach. Dann schenkte sie mir ihre ganze Aufmerksamkeit und sah mich erwartungsvoll mit ihren großen braunen Augen an. Es gefiel ihr offensichtlich, weil sie das nicht kannte? Ihre Hufe waren in einem erbärmlichen Zustand, an den Enden ausgefranst, rissig und vor allem die hinteren extrem asymmetrisch, innen viel zu steil und nach außen hin zu flach auslaufend. Zwei Anläufe des Hufschmieds waren schon fehlgeschlagen, sie ließ sich an den Beinen nicht anfassen, das kooperative ‚Hufe geben‘ schätzte ich als eines von vielen eher langfristig zu erreichenden Zielen ein. Wenn man seine Position zum Pferd neben der Schulter stehend in Richtung Hinterbein verlagerte, lief sie wie ein aufgezogener Brummkreisel im Kreis um ihre eigene Achse. Auch ertrug sie es nicht, wenn sich ihr jemand von hinten näherte. Welche Erfahrungen sie zu diesem Verhalten gebracht hatten – darüber wollte ich erst gar nicht nachdenken. .
Sie korrekt lesen zu lernen, bedurfte einer konkreten Differenzierung ihrer überdeutlichen und alarmierenden Gefühlsäußerungen. Dass Reize Reaktionen hervorrufen, war auch mir bekannt. Welche Reize in welcher Intensität lösen welches Verhalten aus? Wie soll ich ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen einordnen, um darauf aus Pferdesicht richtig zu reagieren? Zu versuchen, mich in ihre Situation hineinzuversetzen, mich als ihr Gegenüber mit Pferdeaugen zu sehen, ist wohl grundsätzlich das Schwierigste in einer Pferd-Mensch Beziehung, gelingt es doch kaum, sich in einen anderen Menschen einzufühlen. Die Ebene der menschlichen Projektion zu verlassen heißt sich auf die Reise zu begeben zur Natur des Vierbeiners, unterscheiden zu können zwischen Instinkt und erworbenen Erfahrungen und deren Verknüpfung. Angst als Verhalten in nahezu jeder Situation, mit der sie konfrontiert wurde, ist sicherlich zurückzuführen auf die schlechte Behandlung, die sie über Jahre erfuhr, ihre Reaktion darauf wie z.b. das Weglaufenwollen, eine instinktive Handlung. Nicht zu wissen, welche Situationen sie negativ assoziiert, erschwert den Umgang zusätzlich. Beispiel Kappzaum: Sie ließ sich
problemlos aufhalftern. Für die Bodenarbeit kaufte ich daher einen ganz weichen Kappzaum aus Biothane. Ich halfterte ihn vorsichtig auf, sie reagierte mit Steigen. Beispiel Nüstern mit einem weichen Tuch auswischen. Sie ließ Fellpflege am Kopf mit einer weichen Bürste zu. Ich versuchte, vorsichtig die Nüstern auszuwischen – sie reagierte mit Steigen. Sie muß gute Gründe für ihr Abwehrverhalten gehabt haben. Sie konnte sie mit der Zeit wandeln in Vertrauen und freiwillige Kooperation. Vor jeder Begegnung mit ihr schüttelte ich meine Arme und Beine aus und atmete tief durch, um meinen Muskeltonus so weit wie möglich zu minimieren als Ausdruck ausschließlich freundschaftlicher Absichten. Offensichtlich deutete sie selbst langsame Bewegungen meinerseits als Bedrohung, Versuche sanfter Berührungen steigerten ihr Unbehagen. Sie musste auf mich zukommen, den ersten Schritt tun, andersherum würde es nicht funktionieren. Ich entschied, sie links liegen zu lassen und mich in ihrer Anwesenheit von ihr abgewandt mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zwei Eigenschaften, die auffällig waren, machte ich mir zunutze. Sie war eigentlich immer hungrig und trotz ihrer Ängste extrem neugierig. Ich ließ sie in einem eingezäunten Areal frei laufen und setzte mich mit einem Eimer Möhren in die Mitte und begann langsam das Schnippeln. Von ihr dieses Mal nichts zu wollen, keine Erwartungshaltung zu hegen, keinen Zeitdruck zu haben und sich nur dem Augenblick zu widmen, befreite sie offensichtlich vom Druck von außen. Auch für mich reduzierte sich eine Anspannung, die ich erstmals bemerkte, weil sie plötzlich nicht mehr da war. Ich sollte genau dieses Gefühl in Erinnerung bewahren und wie von selbst abrufbereit von einer Sekunde zur anderen in diesen Modus umschalten lernen, wenn es die Situation erfordert. Erst viel später würde mir die Bedeutung dieses Momentes bewusst werden. Sobald ich meine Gedanken in ihrem Beisein vorbeiziehen ließ und nicht mehr an die Dinge dachte, die passieren würden oder nicht passieren würden, wenn der Kopf leer würde und ich unvoreingenommen ganz bei ihr war, erst dann gelangen Dinge plötzlich  von ganz allein, alles fühlte sich dann leicht an. Sie näherte sich nach einiger Zeit in Etappen, änderte die Richtung dabei immer wieder, der Kampf zwischen Annäherung und Rückzug war deutlich zu spüren. Irgendwann passierte es- sie senkte den Kopf dicht neben mir und beobachtete mein Tun. Als Belohnung erhielt sie eine Möhre, parallel streichelte ich kurz sanft über ihren Nasenrücken ohne meine Sitzposition dabei zu verändern und ohne sie anzusehen. Sie entzog sich nicht. Ihre Neugierde hatte gesiegt, der erste Schritt war vollzogen,  als Futterquelle konnte ich ganz langsam ihr Vertrauen gewinnen. Das Prinzip, sie auf mich zukommen zu lassen, behielt ich über lange Zeit bei. Kommunikation   : Sign Language Sie ließ sich nach wie vor  nicht berühren. Was andere Pferde hingebungsvoll genossen, sei es das Streicheln an Hals, Schulter,  Stirn oder an irgendeiner anderen Stelle, wurde von Victoria nicht geduldet, geschweige denn als angenehm empfunden. Auch die körperlichen Signale, sei es ein leichter Druck am Halfter, um vorwärts zugehen, ein leichtes Erheben des Führstricks nach oben oder zurück, um sie anzuhalten, ein leichtes Touchieren mit der Gerte in Schenkellage, um sie antreten zu lassen, alle Versuche mündeten – je nach Stärke des eingesetzten Drucks-vom immer heftiger werdenden Kopfschütteln und Rückwärtsgehen bis hin zum Steigen. Also gut. Ich brauchte eine Alternative. Da ich auf gar keinen Fall wollte, dass der Umgang mit mir für sie in einer Eskalation der Angst  mündete, hörte ich mit den üblichen Hilfen auf. Vorerst keine taktilen Reize mehr. Als sie noch beim Tierschutz stand und ich sie dort besuchte, habe ich neben meiner Stimme, mit der ich sie ausgiebig lobte, wenn sie etwas richtig gemacht hat oder verstand, was ich von ihr wollte, einen Cliquer als positiven Ver  stärker eingesetzt. Das war genial, denn ich konnte mit diesem akustischen Signal blitzschnell im richtigen Augenblick das gewünschte Verhalten  belohnen. Das Bestärken des richtigen Verhaltens über das Clicken in exakt dem Moment, in dem das Pferd tut, was ich erreichen möchte, ist wesentlich effizienter als das reine Stimmlob oder das alleinige Belohnen mit einem Leckerli. Tue ich das auch nur ein paar Sekunden zu spät, habe ich damit möglicherweise ein anderes Verhalten belohnt, was ich aber gar nicht verstärken möchte. Der Cliquer garantiert, wenn man entsprechend schnell reagiert, das richtige timing. Ich widmete mich zu Beginn vor allem grundliegenden Befehlen wie Halt/Vor bzw. Komm /Zurück/ Links/ Rechts. Sollte sie stehenbleiben, trat ich einen Schritt vor ihre Bewegungsrichtung, hielt eine Handfläche mit einem Arm ausgestreckt vor meinem Körper, richtete mich dabei auf und sagte Halt. Blieb sie stehen, erfolgte
sofort der Klick und sie erhielt ein Leckerli. Sollte sie rückwärts gehen, signalisierte ich mit einer ebenfalls ausgestreckten Handfläche über kurzes imaginäres Klopfen in der Luft in ihre Richtung mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und einem Ausfallschritt frontal auf sie zu und dem Befehl ‚ zurück‘, den ich auf der ersten Silbe etwas länger betonte. Auch ein Zischlaut „Sch..“ den ich heute verwende, ist zielführend. Deutete sich auch nur die leiseste Entlastung ihres  Körpergewichts von den Vorderbeinen hin zur Körpermitte oder noch weiter zurück, clickte ich schon, beendete sofort meine Hilfen und belohnte sie mit einem Stück Möhre. Erfolge stellten sich darüber unheimlich schnell ein. Ich hatte den Eindruck, dass sie es als Spiel auffasste und nicht als Arbeitseinheit oder Lehrstunde. Im Gegenteil, ich konnte direkt ihr Bemühen und Engagement sehen und spüren, wie sie versuchte, alles sofort richtig zu machen. Sie war motiviert. Erreichte ich nicht das gewünschte Verhalten, weil entweder meine Körpersprache nicht eindeutig genug war oder, was später oftmals passierte, als sie schon einige Befehle beherrschte, nämlich so ziemlich alles, was sie schon konnte, auf einmal zeigen zu wollen und mir als Lösung anzubieten, ignorierte ich ihr Verhalten komplett und fragte den Befehl erneut ab. Ob ihre Motivation allein aus der Gewissheit, dass ein Leckerli folgte, entstand, kann ich nicht genau sagen, ein Großteil mag wohl darin begründet sein. Da man sich mit ihr über Jahre gar nicht beschäftigte, war diese völlig neue Erfahrung,  zu lernen und dafür belohnt zu werden, wahrscheinlich ebenfalls etwas , was sie für sich zulassen und akzeptieren konnte. Alles geschah nach ihrem Tempo und vollkommen gewaltfrei, ohne Druck. Etwas, was es in ihrem vorherigen Leben so wohl nicht gegeben haben mag. Sie entwickelte sogar regelrecht Freude an unserer Gebärdensprache, erwartungsvoll mit großen Augen und hoher Konzentration begrüßte sie die neuen Herausforderungen.. Ich band sie nie fest, es war zum damaligen Zeitpunkt auch gar nicht möglich, sie hätte sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften gewehrt. So musste sie lernen, unangebunden  vor der Box still stehen zu bleiben . Man kann das kontrovers diskutieren. Viele sind der Ansicht, dass das Anbinden eine Grundvoraussetzung sei, die zuallererst problemlos funktionieren sollte. Ich habe mich anders entschieden. Das Anbinden hat sie mit Einengen, Druck verspüren und Angst assoziiert, ich wäre mit dieser Lektion zu Beginn unserer Zusammenarbeit möglicherweise gescheitert. Ob ein professioneller Trainer mit ganz anderen Dingen begonnen hätte, ist wahrscheinlich, ich habe Victoria’s Abwehrverhalten genau studiert und dann versucht, für sie annehmbare Alternativen zu finden. So komisch das klingen mag, aber ich wollte, dass sie sich in meiner Gegenwart frei fühlt. Meine Vorgehensweise hat funktioniert, sie ist aber auch eindeutig keine Empfehlung, mit einem anderen Pferd ebenso zu verfahren. Ich habe ausschließlich auf mein Bauchgefühl vertraut und bin  meiner Intuition gefolgt, ungeachtet aller möglichen Gefahrenpotentiale. Das Gute ist, dass ich aufgrund fehlender Erfahrungen mit Jungpferden ( von Problempferden mal ganz abgesehen) keinen vorgefertigten Plan über die einzelnen Schritte der Ausbildung hatte, was mir half, mich an keiner Zeitvorgabe bezgl. ihrer Fortschritte orientieren zu müssen. Ich hatte keine Vergleichsmöglichkeit und konnte mich deswegen über alles unvoreingenommen freuen. Gefühle von Enttäuschung oder gar Niedergeschlagenheit ob der sich womöglich nicht schnell genug umzusetzenden Ziele sind mir bis heute fremd geblieben. Ich nehme sie so wie sie eben ist, erzwingen – selbst wenn ich es wollte- könnte ich aufgrund ihrer psychischen Konstitution sowieso rein gar Nichts. Viele Pferde sind einem enormen Druckpotential während ihrer Laufbahn als Reittier ausgesetzt. Die meisten können sich damit arrangieren und leisten artig ihren Dienst, mehr als das darf man dann auch nicht erwarten, das Pferd wird auf dieser Basis freiwillig nicht mehr geben als man ihm abverlangt. Wenn es sich wehrt, kann es damit eine Spirale der  Gewalt auslösen. Sensible und oder dominante Pferde werden entweder gebrochen oder wegen wiederholter  Eskalationen als zu gefährlich und unreitbar ausgemustert.
Sie zappelte anfangs immer hektisch auf der Stelle, ergriff aber nie die Flucht, so konnte ich auf das Anbinden verzichten. Sie entfernte sich nicht von mir, obwohl ihr der Weg durch die Stallgasse nach draußen offen stand. Sie verhielt sich kooperativ – erstaunlicherweise. Wenn sie seitlich nach rechts weichen sollte, trat ich vor ihr einen kleinen Schritt zur Seite, streckte meinen linken Arm zur anderen Seite parallel etwa auf Höhe ihrer Nase aus ,um sie zu begrenzen,  mein Kopf hielt ich schräg nach Rechts unten eingedreht und mit meiner rechten Hand markierte ich Kreise gegen den Uhrzeigersinn in der Luft. Mit dem Stimmkommando ‚und seit‘ ,den Blick auf ihre Seite gerichtet, und den Arm mit der kreisenden Hand langsam von oben nach unten und umgekehrt bewegend, konnte ich mich verständlich machen. Ich übte das immer in der Stallgasse, sie hatte dort eine rechts und linksseitige Begrenzung durch die Boxenwände. Dieser äußere Rahmen erleichterte den Prozess des Erlernens, für Victoria war es eine bekannte Umgebung. Da sie die letzte Aussenbox hatte, waren wir ungestört. Es gab kaum äußere Reize, die sie ablenkten, so konnte sie sich hier gut konzentrieren. Deutete sich auch nur die kleinste Richtungsänderung an, clickte ich mit darauffolgender Leckerli Belohnung.
Das seitliche Weichen nach links glückte über dieselben Befehle, nur seitenverkehrt. Mit meiner rechten Hand begrenzte ich das über die Schulter Wegrennen, mit meiner linken Hand drehte ich im Uhrzeigersinn kleine Kreise in der Luft, mein Kopf war seitlich nach links eingedreht mit Blick auf die rechte Hinterhand, mit meinem rechten Fuß trat ich parallel zu ihr stehend einen kleinen Schritt nach rechts und verlagerte dabei ebenfalls mein ganzes Körpergewicht nach rechts bis sie nach links auswich. Click und Leckerli. Sollte sie einen Schritt auf mich zukommen, beugte ich meinen Oberkörper leicht nach hinten, spannte meine Bauchmusklen dabei an, so als wollte ich sie mit dieser Anspannung magnetisch anziehen, lockte sie mit einem Winken der rechten Hand   in meine Richtung und dem Stimmkommando ‚komm‘, mein Körpergewicht verlagerte ich dabei mit einem rückwärtigen Ausfallschritt von ihr weg gerichtet ebenfalls nach hinten. Click und Belohnung, schon bei der leisesten Gewichtsverlagerung nach vorn. Meine Hilfengebungen konnten aufgrund ihrer schnellen Auffassungsgabe immer weniger werden. Bald reichte es schon aus, mich aufzurichten und sie ging rückwärts. Wenn mein Zeigefinger nach links deutete, ging sie ein paar Schritte nach rechts. Machte ich eine Lockbewegung mit einem Finger, kam sie sofort auf mich zu. Ich lobte sie ausgiebig, freute mich auch körperlich über ihre Umsetzung meiner Befehle, indem ich – situativ ohne nachzudenken- vor lauter Begeisterung die Hände auf die Oberschenkel fallen ließ und lachte. Sie erschrak dabei nicht, sondern beobachtete meinen Freudensausbruch bewegungslos, jedoch mit wachem, interessiertem Blick. Angst löste mein lautes Freudenszenario bei ihr nicht aus, sie wusste demnach die positive oder negative Ausstrahlung ihres Gegenübers unabhängig vom akustischen Reiz korrekt zu deuten. Vielleicht war es mein Lachen, dass Entwarnung versprach. Lachen befreit von Angst und Anspannung, Singen macht fröhlich und leicht. Man würde Beides nicht tun, weder bei Trauer noch bei Furcht. Die berühmten Cowboy Songs am Lagerfeuer haben einerseits die Geselligkeit unterstrichen, ganz sicher haben sie dadurch die 4-beinigen Partner beruhigt. Im Rahmen meiner Feldenkrais und Pferde Ausbildung habe ich gelernt, Verhalten  unter dem systemischen Ansatz zu betrachten. Dieser damit einhergehende Perspektivwechsel hat mir dabei geholfen, all‘ ihre heftigen Abwehrreaktionen anzunehmen als ihre erworbene  Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, sich zu verteidigen und zu beschützen. Es hatte nichts mit mir zu tun. Wie so oft im Leben, begründen sich Reaktionen auf das Gegenüber im Gefangenensein in einer eigenen, unaufgeklärten Thematik, mit mir persönlich hatte es nichts zu tun. Menschen werden mit ihren Themen ja immer und immer wieder so lange konfrontiert bis sie sie ggf. auflösen können. Ich glaube, Tiere können diese hochkomplexen psychischen Aufarbeitungsprozesse nicht bewältigen, aber je nach Schwere des Traumas  über viel entgegengebrachte Liebe, Geduld und Zeit die verletzenden Erfahrungen ggf. in Vertrauen und neu entwickelte Zuneigung wandeln. Wie weit sie sich öffnen und wieviel sie von den belastenden Erfahrungen loslassen können, hängt sicherlich stark vom Grad des Traumas ab. Ob eine vollständige Heilung auf psychischer Ebene jemals erfolgen kann, bleibt abzuwarten. Ich ließ mich zu keiner Zeit  demotivieren, vielleicht oder ausschließlich, weil ich gar keine Ziele vor Augen hatte. Und wenn, waren sie so klein und eng gefasst, dass sie eigentlich immer erreichbar schienen. So sah ich mich nicht mir ihr im Gelände galoppieren, sondern war überglücklich, dass sie mich nach einem gefühlten Vierteljahr endlich den Schweif bürsten ließ, sie ertrug es nicht, wenn jemand sich von hinten näherte, geschweige hinter ihr stehenblieb. Als sie es bei mir zuließ, war es wie ein Freudenfest für mich: Was für ein großer Vertrauensbeweis mir gegenüber! Der nächste Etappensieg war das freiwillige Geben der Hinterbeine und so ergab sich eins zum Anderen. Ich glaubte an sie in jeder Sekunde und versprühte bedingungslos gute Laune. Das Gefühl von Frustration oder Enttäuschung darüber, es ginge nicht voran, habe ich nie gehabt und habe ich bis heute nicht. Im Gegenteil. Es ist ein großes Geschenk, mit ihr gemeinsam zu wachsen. Sich selbst zu reflektieren, sein Ego zu besiegen und zurückzukehren zum eigentlich Wichtigen im Leben: Bedingungslose Zuneigung und Liebe zum Tier zu leben. Anfangs war ich oft wütend und traurig über ihre erlittenen Qualen, habe aber schnell gemerkt, dass ich auf diese Weise mit meinen Gefühlen  dem Leidvollen in unseren Begegnungen  zu viel Raum gebe, ihre Welt sollte sich ja zum Positiven verändern.  Mit Freude und  Leichtigkeit das Jetzt zu erleben ist unser gemeinsamer Nenner geworden. Ich danke dir für Alles, Victoria!

Anbei Bilder von Viktoria & ihre Pferdefreunde Vorher &  Viktoria Heute /Nachher! Es lohnt sich für jede Pferdeseele zu kämpfen…..

Liebe Ricarda ich Danke Dir von Herzen für alles!

 

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One Response to Erinnert Ihr Euch noch an Viktoria & ihre Pferdefreunde 2014 aus Barsinghausen? So geht es Viktoria heute!

  1. Siegfried Peisker says:

    Ich bekam die Gelegenheit, das erfolgreiche Team Ricarda-Viktoria ein paar Monate lang zu beobachten. Bin jetzt nachträglich immer noch erschrocken, wenn ich sehe, wie sehr das Pferd damals körperlich „herunter“ gekommen war. Den mentalen Zustand kann man daraus nur schlussfolgern, er war ebenso schlimm.
    Ricarda hat ohne die ganz große Hilfe von Profis das Vertrauen der Stute gewonnen. Das hat sie nicht nur durch ihr sehr gutes Fingerspitzengefühl, ihren Glauben an das Pferd und ihren unerschütterlichen Optimismus geschafft, sondern auch durch Fleiß und einen immensen Zeitaufwand. Darüber hinaus hat sie ihre Phantasie eingesetzt, immer auf der Suche nach einer Lösung, wenn sich ein Problem auftat und deren gab es genügend.
    Zu dieser großen Freundschaft und dem Glücksgefühl der Harmonie kann man den beiden nur gratulieren. Ich wünsche weiterhin Erfolg.

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