Anni und Ondra, die beiden Trakehnerstuten

Anni und Ondra, die beiden Trakehnerstuten 

Im Dezember 2013 wurden Mutter und Tochter aus sehr schlechter Haltung von der Staatsanwaltschaft Kiel beschlagnahmt. „Vier Hufe und Co“ half bei der Suche nach einer Pflegestelle.

Im Sommer 2014 kam die Staatsanwaltschaft erneut auf den Verein zu und fragte an, ob die Stuten nicht hier unterkommen könnten.

Nicol Hufnagel rief Ina und mich an und fragte, ob wir sie nicht als Pflegestelle aufnehmen wollen.

Wir hatten Platz und wollten schon immer aktiv im Tierschutz helfen, also sagten wir zu. Am 9. September sollte es so weit sein, dass die zwei zu uns ziehen sollten.

In der Unterstützungsgruppe von „Vier Hufe“ machte Cordula einen Aufruf: Sie bräuchte Helfer beim Verladen.

Die bisherige Pflegestelle hatte sich gemeldet und uns vorgewarnt: Die Stuten wären gefährlich, würden hinten und vorne ausschlagen. Man könne sie nicht in einem normalen Pferdeanhänger transportieren, ein Verladen wäre unmöglich bzw. lebensgefährlich und selbst wenn das Verladen gelänge – die Pferde würden während der Fahrt die Heckklappe zerschlagen.

Spätestens beim Abladen aus einem normalen Pferdeanhänger würde man unweigerlich zu Tode kommen.

5 mutige Frauen trafen sich am 9. September 2014 um 11.00 Uhr an der verabredeten Stelle.

Mit uns Cordula und ihr Mann, die aber nur für den Transport zuständig sein wollten und mit der Verladeaktion nichts zu tun haben würden.

Wir anderen Fünf sahen uns zum ersten Mal und ich muss sagen: Ich war etwas skeptisch, was diese Aktion betraf.

Die Frau, die sich bisher um die Pferde gekümmert hatte gab den Beiden ein Beruhigungsmittel das wir mitgebracht hatten und halfterte sie auf. Nachdem sie uns die Führstricke in die Hand gegeben hatte verließ sie den Stall. So war es vorher verabredet gewesen.

Wir hatten den Hänger rückwärts an die Stallgasse herangefahren. Zwei Frauen nahmen jeweils ein Pferd in die Hand und eine Möhre in die andere, zwei Frauen standen links und rechts vom Hänger um im rechten Moment die hinteren Querstangen zu schließen und eine Frau (die Tapferste) hielt hinter den Stuten einen Besen hoch um den Rückweg zu verhindern.

Wer Erfahrung hat im Verladen von transportunwilligen Pferden kennt das Szenario: „Hau doch mal hinten drauf!“ „Nein, wir müssen ihnen die Augen verbinden!“ „So ein Blödsinn. Ihr habt ja keine Ahnung! Ihr müsst an den Hänger herantraben und ohne Pause rauf mit den Biestern!“ „Man hätte vorher Verladetraining nach XYZ machen müssen. So wird das nie etwas!“ „Zeig ihnen mal wer hier der Herr ist!“

Es hagelt Ratschläge, Übergriffe, Aggressionen, Zickereien ohne Ende.

Und wir? Es herrschte absolute Ruhe. Jeder blieb an seinem Platz. Mit ruhiger Stimme wurden Informationen ausgetauscht. Es herrschte fast meditative Stimmung.

Nach circa 20 Minuten gingen zuerst die Mutter und kurz danach die Tochter ganz in Ruhe auf den Hänger.

Wir schlossen die Querstangen und die Klappe, Cordula und Marc verließen mit dem Gespann zügig den Hof.

Wir konnten es kaum glauben: Es war geschafft! Ohne Blutopfer und ausgerenkte Schultern. Ohne Zickenkrieg und Klugsch….reien.

Cordula hatte Ina und mich gebeten während der Fahrt hinter Ihnen zu fahren, falls eines der Pferde hinten herausspringt, aber wir verfuhren uns gleich an der ersten Kreuzung und kamen ½ Sunde nach den Pferden an unserem Stall an.

Und was war in der Zwischenzeit geschehen? Cordula und Marc waren mit dem Gespann auf die Koppel gefahren, hatten die Stuten losgebunden und den Hänger geöffnet und siehe da: Die Damen sind ganz in Ruhe vom Hänger gestiegen um sich ihr neues Reich anzusehen.

In den nächsten Tagen zeigte sich deutlich, wie sehr die beiden Stuten unter der Gefangenschaft in der sie gelebt hatten gelitten haben müssen.

Den ganzen Tag liefen sie rastlos auf der Koppel große Kreise, immer nebeneinander, immer in zügigem Schritt, mit kurzen Stopps zum Fressen. Wenn wir in die Nähe kamen näherten sie sich neugierig und gingen auch schnell wieder ihrer Wege.

Ihre erste Heucobs Mahlzeit, die sie am Abend am Holzstall angeboten bekamen nahmen sie gerne – aber nach dem letzten Bissen gingen sie sofort wieder auf die Weite der Koppel.

In den nächsten Tagen veränderten Anni und Ondra ihr Verhalten kaum: Immer zu zweit nebeneinander, immer in Bewegung, mit Interesse für uns Menschen und Abneigung gegen die Pferde auf der anderen Seite des Zaunes.

Sie hatten keine Angst vor dem Quod mit dem Ina und ihr Mann über die Koppel knatterten, keine Angst vor den wehenden Laken am Holzstall, aber große Angst vor der Enge, dem Festgehalten werden und dem Getrennt werden.

Wie Katzen näherten sie sich uns immer dann, wenn wir uns nicht um sie kümmerten und suchten zärtlich Körperkontakt. Ganz schnell waren sie dann aber auch wieder weg, wenn ihnen ihre Freiheit in Gefahr zu geraten schien.

Nach wenigen Tagen stellte Ina fest, dass beide Damen gerne mit der „Abäppel-Harke“ den Hintern gekratzt haben mögen. Es entstanden regelrechte Verfolgungsjagden, bei denen Anni und Ondra sich Ina immer wieder in den Weg stellten und ihr Hinterteil zum Kratzen hinhielten.

Unser erster Versuch, nach 2 Wochen die Pferde zusammen laufen zu lassen schlug dramatisch fehl. Zwar hatten die „Trakehnerinnen“ sich über den Zaun hinweg nicht mehr abweisend gezeigt, aber das änderte sich massiv, als Lulea und Fabris die ersten Schritte auf die gemeinsame Koppel setzten.

Lulea senkte nur den Kopf und sagte: „Ich fress dann mal…“ aber Fabris lief sehr freundlich zu den Neulingen um diese zu begrüßen.

Extrem aggressiv gingen beide Stuten auf den überraschten Kerl los, der schreckte zurück, die Stuten rannten weg, Fabris hinterher und ein wilde Jagd bewegte sich über die Koppel.

Man muss zugeben: Die doch sehr alten (20 und 30 Jahre) Stuten, die ja auch eine harte Zeit hinter sich gehabt hatten waren schlichtweg schneller. Sie schwebten regelrecht über die Koppel von dannen – Fabris hatte keine Chance.

Die Herrschaften wurden wieder getrennt. Wildes Gerenne war ja nicht vorgesehen, die Stuten sollten erst einmal ein paar Kilos auf die Rippen bekommen.

Als Anni und Ondra einen Monat bei uns waren, war es Zeit für den ersten Termin mit dem Hufschmied. Die letzte Pflegestelle hatte uns gewarnt: Die Stuten müssten sediert werden und selbst dann wäre die Hufbehandlung ein Himmelfahrtskommando.

Wir haben es dann doch anders versucht.

Die Mädels haben Angst vor der Enge? Die Hufe werden in ihrem gewohnten Umfeld auf dem Paddock gemacht – da, wo es immer die leckeren Eimer gibt.

Die Mädels wollen nicht getrennt werden? Also lassen wir sie nebeneinander stehen.

Sie brauchen eine Sedierung? Okay: Wie wäre es mit einem riesigen Eimer mit leckerem Futter?

Unser Schmied erwies sich als extrem einfühlsam und lieb. Die Damen ließen sich ganz in Ruhe die Hufe machen. Easy.

Diese Erfahrung machte uns zuversichtlich als kurze Zeit später der erste Tierarztbesuch anstand. Anni´s Auge war dick angeschwollen und musste behandelt werden.

Auf dem Paddock, zu zweit nebeneinander aber diesmal ohne Futtereimer war die Behandlung kein Problem. Die Tierärztin glaubte uns die die Geschichten, die wir zu erzählen hatten ganz offensichtlich nicht. Anni kannte ganz eindeutig diese Situation dass jemand etwas an ihrem Auge macht.

Eine Woche später kam die Tierärztin wieder um bei beiden Pferden die Tränenkanäle durchzuspülen (diesmal mit Sedierung) um den immer wiederkehrenden Reizungen der Augen ein Ende zu bereiten. Kein Problem. Auf dem Paddock, zu zweit nebeneinander.

Wir waren und sind sehr stolz auf unsere Schützlinge!

Mitte Oktober zog bei uns der Frühling ein: Ondra und Fabris standen schwer verliebt am Zaun und wollten unbedingt zueinander. Liebesspiel mit quieken und allem drum und dran.

Unser Zaun drohte kaputt zu gehen und wir ließen die drei zusammen.

Seither: Große Liebe. Wir sind alle eine große Familie. Es wird gemeinsam gefressen, gespielt, geflirtet.

Jetzt sind Anni und Ondra seit 10 Wochen bei uns und sie werden immer “normaler“.

Man sieht sie auch schon mal von einander getrennt auf der Koppel, sie wiehern zur Begrüßung wenn wir kommen, sie ruhen für längere Zeit auch im Paddock am Stall und sie fressen Unmengen Futter. Sehen kann man das leider nur bei Ondra, die jetzt so richtig super aussieht. Anni ist immer noch viel zu dünn, ist aber auch sehr viel temperamentvoller als ihre Tochter und läuft sich so manche Kalorie ab.

Damit es weiter mit den beiden bergauf geht, sollen sie auch im Winter die Möglichkeit haben den ganzen Tag auf der Koppel zu laufen. Der Verein „Vier Hufe und Co“ hat tief in die ohnehin schon leere Vereinskasse gegriffen und Zaunmaterial gestiftet, damit wir eine große Koppel, die seit einem Jahr brach liegt umzäunen können und Anni und Ondra weiter mehr Vertrauen fassen können ohne dass ihre alten Ängste wieder geweckt werden.

Im Laufe der Zeit mit ihnen haben wir den Eindruck gewonnen, dass beide einmal ein sehr gutes Leben bei den Menschen gehabt haben müssen, nur dass diese Erfahrungen in den letzten Jahren mit Schlechtem überlagert wurden.

Das wir Anni und Ondra aufgenommen haben bedeutet eine Menge zusätzlicher Arbeit für uns. Finanziell verausgabt sich der Verein für Futter, Tierarztkosten und jetzt den Zaun.

Aber gibt es etwas schöneres als zu sehen, wie so alte Pferde nach einer langen Leidenszeit noch wieder in das Leben zurück finden?

Wir sind täglich wieder fasziniert, besonders wenn wir bedenken wie kurz die Zeit erst ist seitdem die Mädels zu uns gekommen sind.

Vier Hufe & Co e.V.

Sparkasse Holstein BIC: NOLADE21HOL IBAN: DE 88 2135 2240 0179 0366 11

Sie können auf Wunsch gerne auch eine Spendenbescheinigung erhalten.

Wir sagen herzlichen Dank!

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